Die Freiwilligen Steirerschützen
Die Freiwilligen Steirerschützen
Zu Pfingsten 1915 wurde in der Steiermark die Formation der Freiwilligen Steirerschützen ins Leben gerufen, die vor allem aus jungen Leuten bestand.
„Die Schwere unseres Entschlusses“
Der „Jungschütze“ und spätere Leutnant Karl Fritz berichtet über die Abreise der Jungen nach Wolfsberg, von wo es weiter an die Front gehen sollte:
Leutnant der Freiwilligen Steirerschützen Karl Fritz
„25. Juli 1915. An diesem Tage kam unser Abmarschbefehl. Die Marschkompanie trat auf dem Murkai in Graz in Kolonne an. Wir waren über und über mit Blumen geschmückt. Eine unübersehbare Menschenmenge war anwesend, um die Freiwilligen abmarschieren zu sehen. In den sonnigen Sonntagmorgen hinein ertönt das ,Gebet vor der Schlacht‘. Der Hornist bläst zum Gebet. Das war ein ergreifender und feierlicher Augenblick. Es kam uns jetzt die Schwere unseres Entschlusses so recht in den Sinn. Unsere Angehörigen sehen mit tränenfeuchten Augen auf uns begeisterte Jungen und wir werden wohl alle dasselbe gedacht haben… wer wird bleiben…?
Ein scharfes Kommando erweckt uns aus allen Betrachtungen. Alle Weichheit fällt jäh ab. ,Doppelreihen abfallen rechts um! Marschieren, Kompanie marsch!‘ Ein einziger Schlag die ganze Kompanie. Stolz leuchten die Augen unserer Kommandanten. Seine Jungen können was. ,Ruht! Abgeblasen!‘
Die Regimentsmusik fällt mit der Marschmusik ein. Jäh sind die vordem so festgeschlossenen Reihen von den Angehörigen durchbrochen. Noch mehr Blumen und Liebesgaben werden an allen möglichen und unmöglichen Stellen verstaut.
Auszug des jungen Steirerschützen; Holzschnitt von Switbert Lobisser zu dem Buch „Jungen im Feuer“ des Leutnants Karl Fritz
Diesmal drückt unser Kommandant beide Augen zu. So geht es jubelnd und jauchzend durch die Annenstraße gegen den Bahnhof. Mütter und Väter und Geschwister begleiten ihre Freiwilligen. Aus den Fenstern und von den Gehsteigen jubeln die Grazer ihren Jungschützen zu. Es ist ein wahrer Triumphmarsch.
Der Transportzug steht bereit. In musterhafter Ordnung wird einwaggoniert. Rascher Abschied. Unsere Angehörigen und der sonstige liebevolle Anhang brechen in Tränen aus. Da wollen wir denn doch zeigen, dass wir Soldaten sind, und jäh brandet das Schützenlied hoch:
,Es lebt der Schütze froh und frei …‘
Mitten im vollen Klange setzt sich der Zug in Bewegung …
Heilrufe … Tücherschwenken … und nach einer Biegung sind wir allein. Sind nur mehr ganz Soldaten …“ [1]
[1] Karl Fritz: „Jungen im Feuer“, Salzburg, 1935, S. 22 f.
Das k.k. Freiwillige Schützenbaon Rittmeister von Lichem
Karl Fritz berichtet weiter: „Groß war unsere Enttäuschung, als der Zug, statt direkt zur Front zu fahren, bei Zeltweg ins schöne Lavanttal einbiegt. In Wolfsberg wird unter dem Kommando des Rittmeisters Arnold Lichem von Löwenbourg ein freiwilliges Schützenbaon zusammengestellt. Unsere Kompanie wird als dritte Kompanie eingeteilt. Hier vereinigen wir uns mit den Kärntner und Salzburger freiwilligen Schützen, die unserem Baon angegliedert wurden.“ [2]
Der Rittmeister von Lichem eroberte sich das Herz seiner Jungen im Nu, verband er doch bereits bei der Ausbildung Härte und sein persönliches Vorbild in der Pflichterfüllung mit einem großen und gütigen Herzen für seine Schützen, wie Karl Fritz hervorhebt. Diese Charaktereigenschaften sollten die Jungen noch mehrmals erfahren, als sie in die Frontstellungen auf dem Karnischen Kamm in Kärnten abgingen und dort ihre ersten Gefechte erlebten.
[2] Karl Fritz: „Jungen im Feuer“, Salzburg, 1935, S. 24.
Rittmeister Arnold Lichem von Löwenbourg
Das k.k. Freiwillige steirische Schützenbaon
Die jungen Schützen bewährten sich im Kampf auf dem Karnischen Kamm, sie wurden älter und härter. Am 13. August 1916 wurde das Bataillon in das „k.k. Freiwillige steirische Schützenbaon“ umbenannt, da es in der letzten Zeit nur noch mit Ersatzmannschaften aus der Steiermark aufgefüllt und somit wieder ein mehrheitlich steirisches Bataillon geworden war.
Anfang März 1917 erlag Rittmeister Arnold Lichem von Löwenbourg den Strapazen des Winters an der Front und musste mit einer schweren rheumatischen Erkrankung ins Spital abgehen. Für die Jungen war es, als ob ein guter Vater von ihnen scheide.
Sie bekamen aber am 13. März 1917 einen neuen Kommandanten, der seinem Vorgänger um nichts nachstand.
Dieser war Hauptmann Carl Gressel, der mit seinem Infanterieregiment Nr. 17 in Galizien gekämpft, die Goldene Tapferkeitsmedaille errungen und zuletzt dort einen Kopfschuss erlitten hatte. Kaum halbwegs genesen, hatte Gressel sich wieder in den Dienst der Landesverteidigung gestellt und als Kommandant des Kärntner Freiwilligen Schützenregimentes Nr. II den Plöckenabschnitt am Karnischen Kamm verteidigt. Nun übernahm er als Bataillonskommandant die Freiwilligen steirischen Schützen.
Unter seiner Führung vollbrachte das Bataillon zahlreiche Waffentaten, unter denen die Erstürmung der mächtigen Fels- und Eisbastionen des Monte Cacciatore, des Monte Avanza und des Monte Ciadenis am Karnischen Kamm zu nennen sind.
Bei dem Vormarsch im Jahre 1917 erstürmten die jungen steirischen Schützen den Monte Col Pioi und das hartnäckig verteidigte Fort Mauria bei Pieve di Cadore.
Die Steirer auf den Sieben Gemeinden und auf dem Monte Cimone
Ab 30. November 1917 standen die Freiwilligen Steirischen Schützen im Gebiet der Sieben Gemeinden in der Gibraltar-Stellung, an der Astico-Talsperre und auf dem sogenannten Tiger-Rücken. Mehr als 20 Unternehmungen gegen den Feind führte das Baon hier aus und wies drei Großangriffe und mehrere kleinere Angriffe mit alter Entschlossenheit ab.
Dann ging es in die Stellungen am Monte Cimone, wo die Steirer das 3. Baon der Freiwilligen Kärntner Schützen ablösten. Die Stellung war denkbar ungünstig: von drei Seiten war die österreichische Stellung von den Italienern eingeschlossen, die sich bis auf 60 Meter Distanz herangearbeitet hatten. Vom Cimonegipfel her war die österreichische Stellung überdies eingesehen, was entsprechendes Artilleriefeuer auf die Steirerschützen bedeutete. Hier verlor das Baon in 4 Monaten 38 Prozent seines Gefechtsstandes an Toten und Verwundeten, mehr als vorher in zwei Jahren seines Einsatzes. Dann wurden die Schützen in den Ortlerabschnitt verlegt.
Auf dem Ortler
Die Bataillonsgeschichte der Freiwilligen steirischen Schützen berichtet:
„Ganz unerwartet traf das Bataillon am 3. September 1918 die neuerliche Abberufung an die Front zur Verwendung im Abschnitt 3 der 164. Infanteriebrigade, Ortler und Königspitze … Es waren die höchstgelegenen Stellungen des Weltkrieges, die vom 12. September an bis zum Waffenstillstande von den Steirischen freiwilligen Schützen gehalten wurden. Der König der Berge, der majestätische, 3902 Meter hohe Ortler – die höchste Erhebung im alten Österreich-Ungarn –, die stolze, 3859 Meter hohe Königsspitze und die um diese beiden Bergriesen gelegenen Spitzen und Grate, konnten nur von auserlesenen, berggewohnten Truppen aus den Alpenländern verteidigt werden, denn der Kampf in den Regionen des ewigen Eises stellte an jeden einzelnen Mann wohl die allerhöchsten physischen und psychischen Anforderungen.
Die Stellungen waren sehr schlecht ausgebaut und erforderten große Wiederherstellungen und Neubauten. Wohl standen Seilbahnen zum Transport zur Verfügung, doch waren sie infolge der starken Beanspruchung derart abgenützt, dass sie nach Möglichkeit geschont werden mussten, zeitweise zum Personentransport überhaupt nicht verwendet werden durften. Brauste noch dazu der eisige Schneesturm über die Höhen, alle Zugangswege verwehend, dann kam es öfters vor, dass die Stellungen tagelang von jeder Verbindung mit dem Bataillonskommando und untereinander abgeschnitten waren.“ [3]
[3] „Die Steirischen Freiwilligen Schützen im Felde 1915 – 1918“, herausgegeben vom Kameradschaftsbund der Steirischen freiwilligen Schützen in Graz, 1935, S. 84 ff.
Auf Vorposten
Auf Spähtrupp
Die letzten Schüsse der Ortlerbrigade
Der Steirische Freiwillige Schütze, Oberjäger Hans Lukas, erzählt, wie die Schützen das Kriegsende auf dem Ortler am 3. und am 4. November erlebten:
„Da wird die Räumung der eigenen Front angeordnet. Wir auf der Payerhütte arbeiten fieberhaft, um zu bergen, was überhaupt noch zu bergen ist. Der Ortlergipfel wird befehlsgemäß verlassen. Da und dort dröhnt aus der Ferne ein matter Sprengschuss. Um so mehr donnert es aus den Geschützen der Italiener.
Noch können wir nicht glauben, dass der Ortler verloren ist, dass es keine Front mehr geben soll. Wir sind so gläubig, dass wir noch an eine neue Widerstandslinie, irgendwo draußen im Tale, denken. Und vor allem krampfen wir uns an die Hoffnung, dass – wenn es schon ein Ende nehmen sollte – ein versöhnlicher Ausgleich zustande kommt. Mit dieser fast kindlichen Hoffnung treten die fünfzig Mann der Payerhütte den Abstieg an. Die Marschunfähigen werden mit der Seilbahn vorausgeschickt. Die anderen schauen in die Tiefe, sehen auf den Weg, der ihnen bevorsteht. Es graut manchem vor diesem Abstieg. Hände krallen sich in Eis und Schnee. Nur nicht nach rechts sehen, wo die Wand zäh über den Abgrund wuchtet! Wie stark der Lebenswille die letzte Kraft entfachen kann, das zeigt am deutlichsten dieser Weg … Es gelingt. Wir verlieren keinen einzigen Mann.
Da hört gegen 3 Uhr – die Payerhütten-Besatzung müht sich noch in der Tabarettawand – das feindliche Feuer auf. Also doch Waffenstillstand?
Aber wir haben uns getäuscht! Um 5 Uhr nachmittags bricht der Geschützdonner wie mit einem Schlage neuerlich los, ja, er verdoppelt sich und wächst zu einem fast ununterbrochenen Dröhnen.
Gefasst auf einen Kampf um die Enge bei Gomagoi, marschieren wir durch die aufgewühlte Nacht. Jeden einzelnen beseelte der Wille zum Durchbruch. Aber der Feind war noch nicht so weit und wir marschierten unbehelligt durch, zogen durch Nacht und Nebel gegen Mals, sahen von der Malser Heide zum letzten Mal die weißglänzenden Gletscherriesen. Sie standen still und feierlich, wie schon seit urdenklichen Zeiten…
Noch einmal flackerte hinter uns Gewehrfeuer auf. Es war am Vormittag des 4. November. Die Gruppe vom Madatschgletscher machte bei Lichtenberg gegen den Befehl von der Waffe Gebrauch und schlug sich durch. Es waren die letzen Schüsse der Ortlerbrigade …Dann kam der Rückmarsch, die Heimfahrt in das aus tausend Wunden blutende Vaterland …“[4]
[4] Hans Lukas: „Abschied vom Viertausender“, in: Leykams: „Neuer Soldatenkalender 1935“.
Die Heimkehr
Über die Heimkehr berichtet die Bataillonsgeschichte:
„Nach dreitägiger Bahnfahrt langte der Rest des Bataillons am 12. November 1918 um 10 Uhr vormittags in Graz ein, kaum mehr als 200 Mann stark, aber in vollkommener Ordnung, mit der gesamten Bewaffnung und Ausrüstung. Ein kleiner Teil der in Obersteiermark beheimateten Schützen hatte das Bataillon bei der Durchfahrt durch Obersteiermark mit Bewilligung der Vorgesetzten verlassen.
Fast zweitausend steirische freiwillige Schützen waren vom Juli 1915 bis November 1918 hinausgezogen an die Front. 38 Monate stand das Bataillon an der Front, davon 28 Monate in der ersten Linie … Doppelt so viel als heimgekehrt waren, lagen draußen in den Heldengräbern der italienischen Grenzberge und des Hinterlandes oder mit wunden und siechen Körpern in den Spitälern und Krankenhäusern.“[5]
[5] „Die Steirischen freiwilligen Schützen im Felde 1915–1918“, hg. vom Kameradschaftsbund der Steirischen freiwilligen Schützen in Graz, 1935, S. 90 ff.