Kämpfe an der Ortlerfront
Kämpfe an der Ortlerfront
Die Annahme, dass die Besetzung eines Übergangs im Gebirge genügen würde, wurde durch eine der ersten Kriegshandlungen am Stilfserjoch widerlegt. Der Monte Scorluzzo, ein das Stilfserjoch dominierender Gipfel, wurde durch die Italiener mit Beginn der Kriegshandlungen 1915 besetzt und die österreichischen Stellungen von dort aus ständig beschossen. Daher entschloss sich der als Stationskommandant in Trafoi befindliche, der Gendarmerie zugeteilte, Kaiserjägerhauptmann Andreas Steiner, den Scorluzzo – ohne einen Befehl abzuwarten – zu nehmen. Mit dieser kühnen, ohne eigene Verluste durchgeführten Tat war die Ortler-Verteidigung endlich auf die richtige Basis gestellt, das heißt, auf die allein entscheidenden Höhen vorverlegt worden und das Stilfserjoch blieb ständig in österreichischer Hand.[1]
Generalmajor v. Lempruch war während der gesamten Kriegszeit Kommandant des Abschnittes vom Stilfserjoch bis zum Monte Cevedale. Er geriet ins Schwärmen, als er von den Leistungen seiner Hochgebirgs- und Bergführerkompanien schrieb:
„Nur zähe, moralisch und physisch starke, ganze Soldaten, hart und womöglich berggewohnt; nur solche, die die Berge lieben, aber auch den Tücken und Hinterhalten des ewig wachen und ewig drohenden Berggeistes gewachsen sind, erscheinen tauglich zur erfolgreichen Führung des Alpenkrieges. Die Tätigkeit einer kühnen, wagemutigen und entschlossenen Patrouille im Hochgebirge kann größere und nachhaltigere Erfolge zeitigen, als jene eines Bataillons im Flachland.“[2]
Trotz dieser Berichte ist es kaum vorstellbar, dass Soldaten in der Lage waren, speziell im extremen Winter 1916/17 die höchsten Stellungen in diesem Gebiet auf 3.902 Meter (Ortler) durchgehend zu halten und die eigenen Ausfälle gegen einen übermächtigen Feind sehr gering zu halten. Leutnant Hannes Schindler vermerkte in seinen Tagebuchaufzeichnungen:
„Königspitze, 3.860 m, Gipfelbaracke, k.u.k.
10. Bergführerkompanie: 22.9.18. Ein ereignisreicher Tag. Schon in aller Frühe meldet das Telefon, daß der Seilbahnwagen mit Proviant und Postkiste durch den Sturm in die Tiefe gerissen wurde […] Nachmittag nebelt es ein, stürmt, wird unheimlich dunkel […]
Der abgelöste Posten poltert herein, ganz von Schneesturm bereift, und meint: Bei der Luft haltet’s der Hias koane [sic] Stund’ aus! […] Die Besatzung besteht aus 3 Offizieren und 45 Mann, die Hütte steht tief … in einer ausgehackten Eishöhle, Luft und Rauchabzug schlecht, Brennholz naß und immer knapp, Mensch und Montur dreckig, aber Humor trotz Polenta und Stacheldraht (= Dörrgemüse) recht gut. Man fühlt sich hier oben von der Welt abgeschnitten.“[3]
[1] Lempruch, Moritz Erwin Freiherr von: Der Koenig der deutschen Alpen und seine Helden, 1925, S. 13. [2] Lempruch, Moritz Erwin Freiherr von: Der Koenig der deutschen Alpen und seine Helden, 1925, S. 33. [3] Langes, Gunther: Die Front in Fels und Eis, S. 158.
Die Besatzungen dieser Gipfelstellungen lagen im extremen Gelände, waren häufig von der restlichen Truppe abgeschnitten und hatten mit den alpinen Gefahren und mit dem Feind zu kämpfen. Daher sind ihre Leistungen nicht hoch genug einzuschätzen. Nur sehr gut ausgebildete Soldaten waren in der Lage, solche Strapazen und Belastungen zu überstehen. In einem weiteren Bericht drei Tage später beschreibt Leutnant Schindler einen Blitzeinschlag mitten in der Nacht:
„Da plötzlich ein Riesenschlag, ein Krach – neben mir eine grünlich-gelbe Stichflamme und schon die ganze Bude in Flammen. Nur hinaus über die brennenden Trümmer. Alles brüllt durcheinander, ein wildes Menschenknäuel. Drüben der Unterstand auch in Flammen, Hilferufe, Verwundete, Barackenstücke fliegen, Fenster klirren. Die Posten taumeln daher mit Brandwunden im Gesicht und an den Füßen, vom Unterstand kommen die Leute – kaum bekleidet. Die Verwundeten werden verbunden, der Brand mit Schnee gelöscht. Trotz der Verletzungen und des Schadens wird der Dienst sofort wieder fortgesetzt, als ob nichts geschehen wäre.“[4]
[4] Langes, Gunther: Die Front in Fels und Eis, 2003, S. 158.
Anstieg von der Payerhütte über den Tabarettaferner zum Ortler
Foto: Archiv Schaumann Wien
In einem anderen Bericht wird die Leistung einer freiwilligen Bergführerpatrouille beschrieben, die sich am Mitscherkopf auf 3.444 Meter nahe der Königsspitze zugetragen hat.
„An diesem Mitscherkopf hatten wir […] ein schwarzes Loch bemerkt. Die Vermutung lag nahe, daß die Italiener vom Payerjoch herüber einen Eisstollen getrieben hätten. Eine freiwillige Bergführerpatrouille erzwang sich den Aufstieg durch die äußerst schwierige Wand. Aber knapp am Ziel und am Ende ihrer Kraft empfing sie ein Hagel von Handgranaten. Daß die Leute unter solchen Umständen noch die übermenschliche Kraft zum nächtlichen Abstieg über die furchtbare Wand hatten, dünkte wie ein Wunder.“[5]
Ein besonderes Beispiel für die Leistungen der Bergführerkompanien, die ja auch für die Organisation und Durchführung der Sanitätsversorgung verantwortlich waren, war: Ein durch einen Bauchschuss schwer verletzter Bergführer wurde binnen viereinhalb Stunden vom Ortlervorgipfel nach Meran zur lebensrettenden Operation gebracht. Eine hervorragende Leistung, die auch heute noch Anerkennung finden würde, da es ohne den Einsatz von Hubschraubern kaum möglich scheint, diese Rekordzeit zu erreichen. Der Bergführer war innerhalb weniger Wochen wieder genesen.[6]
[4] Langes, Gunther: Die Front in Fels und Eis, 2003, S. 158. [5] Langes, Gunther: Die Front in Fels und Eis, S. 158–159. [6] Lempruch, Moritz Erwin Freiherr von: Der Koenig der deutschen Alpen und seine Helden, S. 100.