Zivilisten – Vorreiter des Alpinismus
Zivilisten – Vorreiter des Alpinismus
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts galten Berge als Orte des Schreckens und der Abscheu. Diese Scheu vor den Alpen war auch der Allgemeinheit der Bevölkerung dieser Zeit eigen. Auf Berge gestiegen wurde nur, wenn es gar nicht anders ging – und nur so hoch, wie es unbedingt sein musste. Hirten stiegen zu ihrem Vieh hinauf, Jäger zum Wild, Kristallsammler zu den Adern, aber ein Vergnügen war das Bergsteigen bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts nicht.
Dass die ersten Bergsteiger in einem moderneren Sinne keine Älpler, keine Bergler, sondern Städter waren, verwundert vor diesem Hintergrund nicht. Erste Gipfel wurden von den „Zuagroasten“ erstiegen, und meist war zu Beginn auch die Geistlichkeit mit von der Partie, die auf den Bergen nicht nur die Nähe zu Gott, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse suchte. Überhaupt spielte die Wissenschaft bei den ersten Bergbesteigungen eine große Rolle – ob eine tatsächliche oder nur eine vorgeschobene, sei dahingestellt. Dass man das Besteigen von Bergen aber nach außen in den Dienst der Wissenschaft stellte, in jenen der Geologie, Botanik und Meteorologie, zeigt, dass die Zeit offensichtlich noch nicht reif war für ein zweckfremdes Bergsteigen, ein Bergsteigen um des Bergsteigens willen, ein Bergsteigen, dem als Grund genügte, dass der Berg da war. Die immer wieder gestellte Frage, welchen Sinn es eigentlich habe, unter Lebensgefahr steile Felsen zu erklimmen, ist wohl bis heute nicht rational zu beantworten.[1]
Durch den Ausbau der Eisenbahn veränderte sich der Tourismus und damit auch der Blick auf die Berge. Die von ihnen ausgehenden Gefahren, die Angst vor dem Unbekannten und Unkontrollierbaren rückten in den Hintergrund. Die sportliche Herausforderung, der Wettkampf und der Drang, den Berg zu „besiegen“, drängten sich vehement in den Vordergrund. Es ist sicher kein Zufall, dass sich unter den ersten Alpinisten sehr viele Engländer befanden. In diesem Land war die industrielle Revolution am weitesten fortgeschritten. Ihr entspricht eine Sichtweise der Alpen als sportliche Herausforderung, als ein Stück Natur, das es zu erobern galt.[2]
[1] Frankl, Viktor: Der Alpinismus und die Pathologie des Zeitgeistes. Jahrbuch ÖAV 1988, S. 61–64. „Wegen des Steins vom Gipfel für die Geologen, der Kenntnis der Ausdauergrenzen für die Ärzte, vor allem aber wegen des Abenteuergeistes, der die Seele des Menschen lebendig hält“, antwortete George Mallory, einer der besten Alpinisten seiner Zeit, 1923 auf die Frage, warum er den Mount Everest besteige. [2] Kiermayr-Egger, Gernot: Zwischen Kommen und Gehen, Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Montafon. O. O. 1992, S. 84.
Die Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865 durch Edward Whymper mit einheimischen Führern ist zu einer Art Symbol für die alpinistische Erschließung und für deren Tragödie geworden.
Mit der Besteigung des Mont Blanc 1787 wurde der zivile Alpinismus und somit die Eroberung der Alpen eingeleitet. Aus dem Bergsteigen wurde ein Sport, zumindest für die Briten. Für die Einheimischen war die britische Sicht auf das Besteigen von Bergen völlig neu. Mit dem so typisch englischen Sportsgeist konnten sie zunächst wenig anfangen. Trotzdem setzte kaum ein Engländer einen Fuß auf einen Berg, ohne von einem Ortskundigen begleitet zu werden. Hirten, Gamsjäger, Wilderer, Schmuggler oder Kristallsammler wurden so zu gesuchten Trägern und Führern – das waren aber keine Bergführer, denn vor den 1860er-Jahren von „Bergführern“ zu reden, wäre irreführend, schließlich suchten die Engländer nicht Bergführer in einem heutigen Sinne. Was sie brauchten, war vielmehr ein „Guide“ im Sinne eines menschlichen Wegweisers. Technisch alpinistische Fähigkeiten waren Nebensache, es zählte die Ortskenntnis des Begleiters.[3]
[3] Rainer, Christian: Meister der Vertikale: Die Geschichte der Südtiroler Bergführer. Verband der Südtiroler Berg-und Skiführer. Bozen 2021, S. 11.
Bergkundige Männer, die zwar keine formale Ausbildung hatten, aber über selbst erlerntes Können und viel Erfahrung verfügten, stellten sich bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts als Begleiter für Bergfahrten zur Verfügung. Diese bergerfahrenen Männer mit ihren von Wind und Wetter gegerbten Gesichtern, den groben Händen und diesem seltsamen, fast unverständlichen Dialekt waren schon vor den Entdeckern, Abenteurern und Eroberern da. Sie sahen die Berge aus einem völlig anderen Blickwinkel: Ohne die verklärten Augen, ohne diese unbändige Sehnsucht, die höchsten Gipfel zu erklimmen. Diese Männer waren ohne Ausnahme in den Bergen aufgewachsen, hatten Zeit ihres Lebens gegen die Unbilden der sie umgebenden Natur angekämpft und mussten dem kargen Talboden das Wenige, das er hergab, entreißen. Diese erste Generation der angehenden Bergführer kannte noch das Leben vor dem Einsetzen des Alpinismus, die äußerst rar gesäten Möglichkeiten, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.[4]
Bevor das führerlose Bergsteigen aufkam, waren die Aspiranten auf lokale Führer und deren Hilfe beim Bezwingen der Natur angewiesen. Die Führer konnten den Nebenverdienst gut gebrauchen. Das Gegensatzpaar „edler Kulturmensch“ versus „unberechenbarer Wilder“ dominiert auch hier die Beschreibung. Besonders farbig ist dies bei Joseph Kyselak ausgefallen. Er wird von einem urwüchsigen Führer durch Nebel und unwegsames Gelände gehetzt: „Ich erkundigte mich um die Ursache dieser gefährlichen Fluchtreise, welche meine Kräfte bis zum Niedersinken schwächte, konnte aber außer seiner Bitte um Stillschweigen nichts erfahren.“
Der Zweck der Eile war klar, als der Wiener Wanderer Beihilfe zum Erlegen einer Gams leisten musste: Er befand sich in Begleitung eines Wilderers. Der Schreck packte den Touristen endgültig, als der angebliche Bergführer das warme Blut aus der Schusswunde der eben gewilderten Gämse saugte, ihm davon anbot – es mache frost- und schwindelfrei und bringe Jagdglück. Nach dieser Stärkung verwischte der Wilderer sorgfältig alle Spuren und Kyselak kommentierte: „Ich bewunderte die List und Schlauheit dieses Raubschützen-Genies, die mit dessen platter Erziehung in gar keinem Vergleich standen.“[5]
[4] Krestan, Gernot: Anfang und Blüte des Bergführerwesens in Tirol, Diplomarbeit Universität Innsbruck. 1994, S. 9. [5] Alpenvereinsjahrbuch DuOeAV 1998, S. 85.