Zwischen Realität und Mythos
Zwischen Realität und Mythos
Der Krieg in Fels und Eis hat unzählige Geschichten hervorgebracht, keine aber ist auch nur annähernd so bekannt wie jene des Sextner Standschützenbergführers Sepp Innerkofler. Der 1865 geborene Innerkofler wurde 1889 Bergführer – und einer der Herausragendsten noch dazu. Zahlreiche Erstbesteigungen und neue Routen in den Dolomiten gehen auf sein Konto. Als Führer und Hüttenwirt auf der Dreizinnenhütte war er im Alpenraum in Bergsteigerkreisen bekannt. Berühmtheit hin oder her: Die Schüsse von Sarajevo stellten auch sein Leben auf den Kopf und beraubten ihn seiner wirtschaftlichen Grundlage.
Für den aktiven Kriegsdienst wurde Sepp mit 49 Jahren für zu alt befunden. Mit dem Kriegseintritt Italiens wurden Alter und Untauglichkeit aber unwichtig. Innerkofler rückte am 19. Mai 1915 ein und wurde mit den anderen Sextner Standschützen an die heimatliche Front beordert. Dort wurde er als ortskundiger Bergführer einer Patrouille anvertraut, der man später den klingenden Namen „Fliegende Zinnen-Patrouille“ verpasste.
Was an militärischem Know-How fehlte, versuchte man mit Einsatz und alpintechnischem Können wettzumachen. Mit den Männern dieser Patrouille führte er in den Sextener Dolomiten eine Art Kleinkrieg mit dem Feind und tauchte überall dort auf, wo es niemand vermutete. Für einen Kampfeinsatz am Zinnenplateau wurde ihm die Silberne Tapferkeitsmedaille II. Klasse zuerkannt.
Wenige Tage später folgte nach einem Einsatz mit seinem Sohn Gottfried die Silberne Tapferkeitsmedaille I. Klasse.
Bergung des Leichnams Sepp Innerkoflers am 27. August 1918, aufgenommen von Fortifikationswerkmeister Anton Trixl
In der Begründung seines Kompanieführers heißt es militärisch knapp: „Bergführer Innerkofler mit einem Mann bestieg gestern Eiserkofel. Schoss feindliche Patrouille mit zwölf Mann ab. Sieben tot, fünf zurückgegangen.“[1]
Schon am 4. Juli 1915 fiel Sepp Innerkofler schließlich bei dem Versuch, mit der „Fliegenden Dreizinnen-Patrouille“ eine italienische Stellung des von den Drei Zinnen durch den Paternsattel getrennten, steilaufragenden Paternkofel zu überrennen. Gerade einmal sechseinhalb Wochen eines dreijährigen Krieges hatte Sepp Innerkofler also mitgemacht, seine Einsätze waren militärische Marginalien. Trotzdem erkannte das Tiroler Landesverteidigungskommando Innerkoflers Propagandapotenzial im Schnellverfahren. Nur vier Tage nach seinem Heldentod wurde ihm „posthum“ die Goldene Tapferkeitsmedaille zuerkannt. Dies war also der Versuch des Militärs, die Deutungshoheit über Innerkoflers Tod an sich zu reißen, der aus Sepp einen Helden machte.
Die offiziell vorgegebene Leseart ist nun: Nicht die Unfähigkeit weniger Offiziere hat Innerkoflers Leben gekostet, er hat dieses im edlen Kampf um die Heimat für Gott, Kaiser und Vaterland heldenmütig geopfert.
Zum Schluss die Geschichte zweier Bergführer, Pinggera aus Sulden und Tuana, Gastwirt auf der italienischen Seite des Stilfser Jochs, die sich aus Friedenszeiten kannten. Wo das unverhoffte – und ungewollte – Zusammentreffen genau passierte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls sind die beiden allein auf Erkundungsgang irgendwo im Niemandsland zwischen den Fronten. Solche „Erkundungsgänge“ werden verständlicherweise bei schlechtem Wetter, meist bei Nebel, unternommen.
Es ist Pinggera, der als erster eine nahende Gestalt erahnt, sie näherkommen lässt, bis sie fast auf ihn aufläuft. „So, lieber Tuana, so leicht kommst du mir jetzt nicht mehr aus. Ein Fass von deinem guten roten Veltliner musst schon springen lassen, wenn die Zeiten wieder friedlicher sind!“ Der andere, ganz erschrocken, wird sich schnell gefasst haben; ein deftiger Fluch,
„Hast mich schön drangekriegt!“
Dann die Blicke die sich abtasten, guerra maledetta, wie geht’s dir so? Dann haben sie sich umarmt, denn sie mochten sich.
Perché la montagna affratella la gente.
Der Berg verbrüdert die Menschen.[2]
[1] Kübler/Reider: Der Kampf um die Drei Zinnen. Das Herzstück der Sextener Dolomiten 1915–17, 2011, S. 31–54. [2] Marseiler/Bernhart/Haller: Zeit im Eis, Die Front am Ortler 1915-1918, S. 92.
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