Die Kampfhandlungen 1915
Die Kampfhandlungen 1915
Im Rayon IV, wo der größte Teil der Vorarlberger Standschützen stationiert war, kam es am 18. Juni zu den ersten größeren Kampfhandlungen. In fünf Angriffsrichtungen, beginnend vom Fedaiapass (Passo di Fedaia) bis zu den Stellungen von Fangho, versuchten die italienischen Truppen, die österreichischen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Von der Reichsgrenze am Pellegrinopass (Passo di San Pellegrino) aus war in weiterer Folge die Einnahme des Sellepasses (Passo delle Selle) angedacht, der von österreichischen Landsturmtruppen und Standschützen besetzt war. Hier gelang es einer italienischen Einheit, das San-Pellegrino-Tal zu queren, eine österreichische Feldwache auszuheben und sich in Besitz des an der nördlichen Talseite gelegenen Allochet zu setzen. Von dort erfolgte ein weiterer Vorstoß in Richtung Rifugio Taramelli.
Der italienische Hauptangriff zum Sellepass wurde allerdings über die ansteigenden Hänge der Campagnaccia geführt und brachte die Verteidiger unter Hauptmann Salamon in arge Bedrängnis. Oberst von Schießler, Kommandant der 90. Infanteriebrigade, erkannte richtig, dass er seine wenigen Reserven um den umkämpften Sellepass einsetzen musste. Weitere Verstärkung erhielten die österreichischen Truppen durch zwei Züge des Bayerischen Schneeschuhbataillons. Diesen gelang es, die Höhen des Allochet freizukämpfen und die Verteidiger am Sellepass zu entlasten. Von den im Abwehrkampf stehenden Truppen wurden einzelne Kämpfer für ihren mutigen Einsatz ausgezeichnet, darunter auch Fähnrich Jacobi, dem die Goldene Tapferkeitsmedaille verliehen wurde. Er war Angehöriger des Infanterieregiments Nr. 4 und hatte als Kommandant einer Maschinengewehrabteilung im Vorfeld von Fangho erfolgreich in die Kämpfe eingegriffen. Die Verteidiger hatten zwölf Tote zu beklagen, wie auf der heute nicht mehr existierenden Grabsäule ersichtlich war.
Die Gedenkstätte am Sellepass
Nach diesen Kampfhandlungen wurde ersichtlich, dass die Zuführung der Reserven bis zu den Kampfstellen zu lange dauerte. Die Kommandoführung wurde an das Deutsche Alpenkorps abgetreten, das sofort Umstrukturierungen einleitete. Das Bataillon Dornbirn wurde aus den Stellungen bei Fangho abgezogen und nach Meida verlegt. Im San-Nicolo-Tal bei Ciampiè entstand ein großes Basislager, von wo aus die einzelnen Feldwachen, von Monte Pecol bis zur Cima di Costabella und Pra di Contrin, betreut wurden. Das Bregenzer Bataillon, dessen Einheiten von der Cima di Costabella bis zum Pordoijoch in Stellung lagen, wurde in die Pesculstellung verlegt, die ständig von zwei Kompanien besetzt war.
Die restlichen sich in Reserve befindlichen zwei Kompanien quartierten sich in Penia und Alba ein. Die Befehlsgewalt ging in diesem Abschnitt ebenfalls an das Deutsche Alpenkorps über. Den Bregenzer Standschützen, zuerst am Belvederehang stationiert, wurde befohlen, ihre Stellungen auf den Pescul vorzuverlegen.
Das zerstörte Bambergerhaus
Dies führte dazu, dass eine neue Frontlinie zu erstellen war, was auch mit umfangreichen Stellungsbauten bewerkstelligt wurde. Das Bambergerhaus, nun unmittelbar im Frontbereich gelegen, ein idealer Zielpunkt für die italienische Artillerie, wurde durch Beschuss zerstört.
Im Oktober kam es zu einem größeren infanteristischen Angriff der Italiener am Fedaiapass. Die Bregenzer Standschützen waren an den Abwehrkämpfen beteiligt, hatten aber keine größeren Verluste zu erleiden.
Feldwache der Feldkircher Standschützen auf Litegosa
Das Feldkircher Bataillon, stationiert nach dem Aufmarsch im Gebiet von Val Sorda und des Cauriols hatte ihr zugewiesenes Einsatzgebiet durch Patrouillen zu erkunden und aufzuklären. Am 4. Juni erreichte eine fünfköpfige Patrouille nach einem 14-stündigen Marsch die Forcella Magna, wo sie unerwartet auf eine stärkere italienische Abteilung stieß, die sofort das Feuer eröffnete. Die Patrouille löste sich in Schwarmlinie auf und versuchte, sich unter Ausnutzung der mangelhaften Deckung zurückzuziehen. Der Rückweg war ihnen aber bereits durch Umgehung durch die feindlichen Truppen abgeschnitten. Bei Einbruch der Dunkelheit gelang es noch zwei Standschützen, sich vom Feind abzusetzen und die eigene Linie zu erreichen. Die restlichen drei Männer, zwei Standschützen und ein Landsturmsoldat, gerieten in Gefangenschaft.
Der Kampf am Presenagletscher (Gemälde von Hans Bertle)
Ein sehr spektakuläres Kampfereignis hatte am 9. Juni 1915 im Rayon II stattgefunden, das als Gefecht am Presenagletscher in die Geschichte eingegangen ist. Hier waren aber nicht nur Landesschützen im Einsatz, wie ein bekannter Autor des Gebirgskrieges anführt, sondern ein gemischtes alpines Detachement, dem auch Standschützen angehörten. Das Bataillon Bludenz hat es leider versäumt, seine Kriegerlebnisse niederzuschreiben, bekannt ist aber, dass der akademische Maler Hans Bertle als einfacher Standschütze an diesem Gefecht teilgenommen hat. Später zum Leutnant befördert und als Kriegsmaler eingesetzt, hat er seine flüchtig gezeichneten Skizzen zu Gemälden verarbeitet. Auch der älteste Soldat dieses Detachements, Alois Gaßner, war ein Standschütze des Bataillon Bludenz.
Die restlichen Bludenzer Standschützen erhielten ihre Feuertaufe etwas später, als die Italiener Ende Juli versuchten, die beiden Sperrforts Tonale und Presanella sturmreif zu schießen. Sie setzten schwere Artillerie im Kaliber von 21 und 28 cm auf die beiden österreichischen Panzerwerke ein. Es begann mit dem Beschuss auf das Werk Tonale, das tagelang dem schweren Geschützfeuer hilflos ausgesetzt war. Das Heulen und Bersten der Granaten erfüllte das ganze Tal mit einem einzigen furchtbaren Krach. Entsetzt starrten die Männer der Montafoner Kompanie auf die jenseitige Talseite, wo sich dieses Inferno abspielte. Man bedauerte die Walgauer Schützen, die diesem hilflos ausgeliefert waren und hoffte, dass dementsprechende Schutzunterkünfte vorhanden waren. Die Festungsgeschütze konnten das Feuer nicht erwidern, da die Position der gegnerischen Geschütze jenseits des Passes nicht eingesehen werden konnte. Nach einigen Tagen verlegten die Italiener das Feuer diesseits des Hanges und nahmen das Werk Presanella mit den umliegenden Stellungen unter Beschuss. Die Montafoner Mannschaft verblieb während des Artilleriefeuers, ausgenommen der auf Posten stehenden Männer in ihrer erstellten Kaverne, was in dem feuchtkalten Raum auch kein Vergnügen war. Die sich außerhalb der Kaverne befindlichen Schützen berichteten, dass die Schrapnellkugeln wie Hagelkörner vom Himmel fielen und Sprengstücke der Granaten nur so umherflogen. Bei einem sich hinter der Stellung befindlichen Bergrücken, der vorher mit niederen Bergerlen bewachsen gewesen war, wurde durch den Luftdruck der überfliegenden Granaten der ganze Baumbewuchs direkt abgemäht.
Um die Kuppeln der Geschütztürme zu schützen, sollten diese auf Befehl des Werkskommandanten mit Beton verstärkt werden. Die Aufgabe der Standschützen bestand darin, den dazu benötigten Sand in Säcken ins Werk zu bringen, was unter dem dauernden Beschuss keine leichte Aufgabe war. Auf der Straße zum Werk sahen sie jede Menge an Blindgängern im Kaliber 28 cm liegen, die statt mit Sprengstoff mit Zement gefüllt waren. Anscheinend stammten diese aus einer Hilfslieferung aus Frankreich. Man gelangte zur Vermutung, dass bei den Franzosen bereits Engpässe bei der Munitionserzeugung aufgetreten waren und das minderwertige Material an den neuen Bündnispartner weitergegeben worden war. Als die Standschützen nach Anbruch der Dunkelheit das Fort verließen, hatten sie leichte Orientierungsprobleme. Die Außenlandschaft hatte sich durch den Beschuss derart verändert, dass am Morgen, wo noch eine Straße vorhanden gewesen war, die einschlagenden Geschosse diese in eine Kraterlandschaft verwandelt hatten. Diese Krater und Furchen waren nur durch Klettern zu überwinden. Am nächsten Tag erhielt das Werk einen Volltreffer durch eine schwere Artilleriegranate, die die Panzerkuppel derart zerstörte, dass eine artilleristische Verteidigung nicht mehr gegeben war. Die zuständige Kommandostelle reagierte natürlich sofort auf das Niederkämpfen der beiden Sperrforts. Eine bedeutende Anzahl von 15 cm Haubitzen wurde von den Italienern unbemerkt im Schutze der Wälder in Stellung gebracht. Sie wurden so positioniert, dass die vom Pass abwärtsführende Straße und weitere wichtige strategische Punkte in ihrem Feuerbereich lagen.
Die Montafoner Schützen waren in ihrer höher gelegenen Stellung durch Draht- und Astverhaue sowie ausgedehnte Minenfelder einigermaßen vor feindlichen Angriffen geschützt.
Vom Tal herauf, wo Landesschützen an der Tonalestraße in Stellung lagen, hörten sie öfters Gefechtslärm, wenn italienische Patrouillen das Gelände erkundeten. Dass es in nächster Zeit ernst werden würde, war sogar den einfachsten Soldaten klar. Die Frage war nur, wann? Nicht gerade beruhigend wirkte sich das Ausheben von zwei großen Gruben hinter der Stellungslinie aus, die vorsorglich für die zu erwartenden Toten angelegt wurden.
Am 14. August kam es zu dem erwarteten Großangriff. Eingeleitet wurde der Angriff durch heftiges Sperrfeuer der italienischen Artillerie, die jenseits des Passes in Stellung standen. Die Standschützen hatten links und rechts der Tonalestraße ihre zugewiesenen Stellungen eingenommen und harrten, eingesetzt als Flankendeckung, auf die Dinge, die nun kommen würden. Die Hauptlast des Angriffs hatten die Landesschützen zu tragen, die sich an der Straße und den daran anschließenden Hängen verschanzt hatten. Die Standschützen hatten von ihrer erhöhten Stellung eine ungehinderte Sicht auf die Passstraße und den Pass selbst und erlebten den Angriff wie von einem Logenplatz aus. Die Angreifer kamen in einer derartigen Dichte, dass es den Betrachtern so schien, als käme nur eine schwarze Masse über den Pass, die sich anschließend fächerförmig ausbreitete. Für die Standschützen hieß es, Visier auf 2.000 Schritte einstellen und Abgabe von Salvenfeuer, das durch ihre Massierung des Gegners Wirkung zeigte. Noch ärger setzten den Angreifern die heimlich in Stellung gebrachten Haubitzen zu. Schuss auf Schuss detonierten die Schrapnellgranaten über den Köpfen des Feindes, der reihenweise niederstürzte.
Die 3. Kompanie (Montafon) des Bataillons Bludenz
Foto: Gemeindearchiv Schruns
Mit „Avanti, Savoia“-Rufen versuchten die Offiziere, selbst in vorderster Reihe stehend, ihre Leute anzufeuern. Doch aller Mut war vergebens. Jene, denen es gelang, bis zu den österreichischen Stellungen vorzudringen, fielen dem Maschinengewehrfeuer zum Opfer. Endlich geriet der Angriff ins Stocken und ging in einen Rückzug über. Der Großteil der Angreifer war gefallen, über das Tal breitete sich allmählich Stille aus, die nur durch die Rufe und Schreie der Verwundeten unterbrochen wurde. Zwei Tage lang hatten die Sanitäter mit der Bergung der Verwundeten und dem Abtransport der Toten zu tun, unbehelligt vom Feind, der sich wohl bewusst war, wem dieser Samariterdienst galt. Die sich weiter rückwärts befindlichen ausgehobenen zwei Gruben wurden zu Massengräbern der Italiener, die eigenen Verluste hielten sich in Grenzen.
Das Bataillon Bludenz wurde im Oktober zur Retablierung nach Trient verlegt und anschließend in den Raum Caldonazzo-Levico-Sommo zur Sicherung der dortigen Sperrforts beordert.