12

Die Sanitätsversorgung im Ersten Weltkrieg an der Hochgebirgsfront

Daniela Angetter

Die Sanitätsversorgung im Ersten Weltkrieg an der Hochgebirgsfront[1]

Der Gruß „Zu Weihnachten 1914 sind wir wieder daheim“, mit dem die Soldaten der k.u.k. Armee im Sommer in den Ersten Weltkrieg zogen, verdeutlichte nur allzu gut die damalige vorherrschende Meinung von Kriegführung: Kriege dauerten wenige Tage, Entscheidungen wurden in einzelnen Schlachten herbeigeführt. Das zeigten zumindest die Erfahrungen des 19. Jahrhunderts, unter anderem die Schlacht bei Solferino, die Schlacht bei Sadowa oder die Seeschlacht von Lissa. Erkenntnisse aus längerfristigen Auseinandersetzungen wie beispielsweise dem Amerikanischen Bürgerkrieg blieben noch unberücksichtigt. Wie es in Europa damals generell üblich war, waren auch die Soldaten der k.u.k. Armee primär für Entscheidungsschlachten ausgebildet, organisiert und bewaffnet. Doch der Erste Weltkrieg lieferte ein ganz anderes Bild.

Zum ersten Mal gab es Millionenheere und Massenvernichtung und zum ersten Mal war auch die Zivilbevölkerung von einem Krieg wesentlich intensiver betroffen als je zuvor, schon allein deshalb, weil Artillerieeinschläge im bebauten Gelände unzähligen Zivilisten das Leben kosteten, aber auch, weil Frauen als Arbeiterinnen in Munitionsfabriken und als Krankenschwestern selbst an vorderster Front zum Einsatz kamen. Die in der k.u.k. Armee durchgängigen organisatorischen und strukturellen Unzulänglichkeiten und vor allem fehlende Geldmittel manifestierten sich nicht zuletzt auch im Sanitätswesen, das in keiner Weise auf die Anforderungen eines Krieges in dieser Größenordnung vorbereitet war. Sanitätskompanien und Feldlazarette waren personell und materiell nicht ausreichend strukturiert, Ärzte und Sanitätsmannschaften auf die Massen von Verletzten und Erkrankten viel zu wenig eingestellt. Die Anwendung der damals gebräuchlichen Artilleriewaffen, die Verwendung chemischer Kampfstoffe und die Ausweitung des Kriegsschauplatzes auf hochalpines Gelände aber auch in weit entfernte Länder stellten die Sanitätsversorgung vor völlig neue Aufgaben.[2]

Bisher hatten kriegführende Heere Pässe und Berge nur überschritten, um die Entscheidungen in den Tälern oder Ebenen zu suchen. Kampfhandlungen im Gebirge galten als unmöglich. Diese allgemeingültige Auffassung über den Gebirgskrieg klingt allerdings verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Grenze der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zu vier Fünftel gebirgigen Charakter aufwies. Diese teilweise hochalpinen Grenzen hatten letztlich doch den Ausschlag gegeben, dass für den Gebirgskampf bestimmte Truppen aufgestellt wurden. Ab 1911 existierten in Österreich-Ungarn fünf Gebirgsregimenter mit 51 Gebirgskompanien und 16 Gebirgsmaschinengewehrabteilungen, Italien hatte ab 1872 15 Kompanien „Alpini“.

Das Hochgebirge musste aber erst infrastrukturell erschlossen werden, um die Hilfeleistung bei Verletzungen und Erkrankungen, den Verwundeten­transport sowie die Nachschubversorgung zu gewährleisten.[3] Geschütze, Munition, Nahrungsmittel und Sanitätsmaterial wurden zunächst auf Tragtieren zu den Stellungen in den Alpengipfeln transportiert. Im Verlauf des Ersten Weltkrieges baute man Straßen und Seilbahnen, die die Versorgung sicherten und den Abtransport der Verwundeten erleichterten. Allerdings wurde die Möglichkeit des Patiententransports mittels Seilbahnen damals noch in den selteneren Fällen tatsächlich genutzt. Zu all dem kam noch, dass medizintechnische Neuerungen wie der Einsatz von Röntgeneinrichtungen noch nicht lange genug erprobt waren – dennoch leistete die Röntgenologie während des Ersten Weltkriegs wichtige Beiträge zur Stellung von Diagnosen.

Rasch war auch klar, dass der Militärsanitätsdienst die Vielzahl der Verwundeten und Erkrankten nicht allein behandeln konnte und auf Unterstützung ziviler Institutionen wie dem Roten Kreuz, dem Deutschen Ritterorden, dem Malteserorden, aber auch der Feldgeistlichkeit angewiesen war. Nicht zu vergessen ist auch die Sanitätshundestaffel. Ebenso wurden Zivil­spitäler im Hinterland kurz nach Kriegsausbruch bereits ausschließlich für die Versorgung von Soldaten benötigt, weiters sogenannte Marodenhäuser, Kuranstalten und sogar medizinische Ausbildungsstätten.

Kurz gesagt: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs funktionierte in der Sanitätsversorgung nichts so, wie man es sich im Kriegsministerium vorgestellt hatte. Doch genau diese Unzulänglichkeiten inspirierten zu organisatorischen, technischen und wissenschaftlichen Innovationen, die der medizinischen Entwicklung entscheidende Impulse verliehen, die teilweise noch nach dem Ersten Weltkrieg Bestand hatten und auch Eingang in die zivile Rettungs- und Notfallversorgung fanden.

[1] Vgl. Angetter, Daniela: Dem Tod geweiht und doch gerettet. Die Sanitätsversorgung am Isonzo und in den Dolomiten 1915–18 (= Beiträge zur Neueren Geschichte Österreichs, hg. Bertrand Michael Buchmann,  Bd. 3). Frankfurt am Main u. a. 1995.
[2] Vgl. Langes, Gunther: Die Front in Fels und Eis. Bozen 1983, S. 15 ff.
[3] Vgl. Schramm, Josef-Michael: Wurzeln einer militärisch angewandten „Geognosie“ im alten Österreich vor 1918. In: Berichte der Geologischen Bundesanstalt 89. Wien 2011, S. 46 ff.
Cookie Consent mit Real Cookie Banner