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Das „letzte Aufgebot“

Hubert Speckner

Italien erklärte sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als „neutral“, was dem 1882 geschlossenen „Dreibund“ mit Deutschland und Österreich-Ungarn entsprochen hätte, wobei in den Jahren zuvor durchaus auch die Unterstützung eines Krieges – vor allem gegen Frankreich – angedacht worden war. Der italienische Ministerpräsident Antonio Salandra sprach die Grundhaltung des Königreiches dann aber direkt an: Italien müsse vor allem den „Sacro Egoismo“, den „Heiligen Eigennutz“ für Italien, im Auge behalten. Es ging also nur darum, wer Italien mehr versprach! Nachdem der Kriegsverlauf weder für Österreich-Ungarn noch für Deutschland günstig war, stiegen die italienischen „Bedürfnisse“ bald beträchtlich. Im Frühjahr 1915 forderte man „Entschädigungen“ von Österreich-Ungarn. Die Frage nach dem „Wofür“ blieb hierbei allerdings offen. Die für das Kaiserreich absolut unannehmbaren Forderungen – eigentlich Erpressungsversuche – umfassten unter anderem das gesamte Trentino, das Südtiroler Unterland bis Bozen einschließlich des Ritten sowie Triest. Österreich-Ungarn hatte Italien „nur“ das Trentino und Triest als eine Art Freistaat angeboten, vor allem auf Betreiben Deutschlands.

Am 3. Mai 1915 kündigte das Königreich Italien den Dreibund, schloss sich den Entente-Mächten Frankreich, Russland und Großbritannien an und erklärte am 23. Mai dem Kaiserreich Österreich-Ungarn den Krieg.

Zuvor wurden Italien am 26. April 1915 im Londoner Geheimvertrag von Frankreich und Großbritannien beträchtliche Gebietsversprechungen gemacht, sollte Italien an ihrer Seite in den Krieg gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn eintreten. Zu diesen Versprechungen gehörte auch die Zusicherung, die Grenze zu Österreich-Ungarn würde am Brenner gezogen werden.

Diese Forderung wurde von den italienischen Irredentisten bereits seit Jahren erhoben, um das Gebiet südlich des Brenners von der österreichisch-ungarischen Herrschaft zu „erlösen“. Als eine Begründung wurde die „gottgewollte“ Grenze entlang der „Wasserscheide“ in den Hauptalpen angeführt. Einer der federführenden Ideologen dieser Grenzziehung war der Nationalist und spätere Faschist Ettore Tolomei.

Italien hatte den Kriegsverlauf des Ersten Weltkrieges genau beobachtet und sah offenbar die Stunde gekommen, um seine Expansionsträume – neben der Brennergrenze vor allem die Herrschaft über Istrien und Triest sowie Teile des dalmatinischen Küstengebietes – zu verwirklichen.

Der italienische Generalstabschef Luigi Cadorna verkündete bereits im April 1915, nach dem Kriegseintritt innerhalb eines Monats in Triest zu stehen – es sollte anders kommen.

Für die Armee des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn war der Kriegseintritt Italiens höchst unvorteilhaft, wenn auch nicht unerwartet: Man stand im Osten mit Russland und Serbien im Krieg und auch die für die Landesverteidigung Tirols vorgesehenen Kaiserschützen- und Landesschützenregimenter hatten im Osten bereits einen hohen Blutzoll entrichtet.[1]

In dieser Situation wurde am 18. Mai 1915 das „allerletzte Aufgebot“ zur Abwehr des jederzeit erwarteten italienischen Angriffs einberufen – die Tiroler und Vorarlberger Standschützen neben weiteren freiwilligen Schützenformationen aus anderen Kronländern Österreichs.

[1] Vgl. dazu den Artikel von Gerhard Artl, Das italienische Heer beim Kriegseintritt.
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